Die Innenwelt des Kindes

Beitrag von Frau Dr. Claire Lambert-Bechtel

Ich bin leicht genervt. Wir stehen im Supermarkt. Mein Kind spielt mit dem neuen Smartphone und hilft mir in meinen Überlegungen nicht weiter, was ich alles für den Familienbesuch zum Essen einkaufen soll. Ich treffe die Entscheidungen alleine, lade das Auto mit dem Eingekauften und dem hypnotisierten Kind und fahre los. Uns kommt ein Auto entgegen, dekoriert mit herzförmigen roten Luftballons, die Wörter „Just Married“ über die Haube in Rasierschaum gesprüht. „Ach, wie schön!“ sage ich, aber als meine Tochter diese schöne Szene miterleben möchte, ist das Auto schon an uns vorbei und außer Sichtweite. „Wenn du auf dem Handy spielst“, sage ich etwas rechthaberisch, „verpasst du das, was in der Außenwelt passiert!“ Blitzschnell kommt die Antwort: „Ja, aber dafür habe ich eine Innenwelt!“

Die schneidende Logik eines achtjährigen Mädchens: Wo ich „gute Beschäftigung“ (das Aus-dem-Fenster-schauen) und „weniger gute Beschäftigung“ (das Auf-dem-Handy-spielen) gesehen hatte, hatte sie das Gegenstück zu meiner „Außenwelt“ gefunden und damit die Möglichkeiten zweier Welten für sich entdeckt – die der Außen- und der Innenwelt. Beide Welten waren in der Lage, ihr eine Riesenpalette an Emotionen zugänglich zu machen. Beide konnten in ihr also Freude, Spannung, Zufriedenheit oder wiederum Enttäuschung, Angst und Langeweile auslösen. Beide hatten die Fähigkeit, große Eindrücke zu hinterlassen. Beide konnten auf unterschiedliche Art und Weise ihr etwas beibringen und waren – wie wir das so gerne nennen – „pädagogisch wertvoll“.

Ich denke an meine Kindheit zurück und an das einzige elektronische Spiel aus dieser Zeit, das mir überhaupt einen Vergleich erlaubt: Das Atari Pong. Wie viele Stunden Spaß hatten wir Kinder mit diesem einfachen Videospiel, in dem zwei Spieler ihre „Schläger“ – als simple Balken dargestellt – hin und her bewegten und versuchten, den Ball – ein kleines Quadrat auf dem Bildschirm – zu treffen! Und alleine „gegen das Programm“ konnte man auch spielen. Nun, waren diese Stunden etwa vergeudete Stunden? Hatten die wiederholten Versuche den Ball zu treffen keinen pädagogischen Wert? Das mag ich bezweifeln. Einiges hat man da schon geübt: Hand-Auge-Koordination, Geduld, strategisches Denken, Konkurrenzfähigkeit. Das Training dieser war aber vermutlich lange nicht so wichtig wie etwas anderes, was durch das Spielen entstanden ist: Freude. So viel Freude sogar, dass ich mich fast vierzig Jahre später gut daran erinnern kann.

Also, was lernt man daraus? Vor allem muss man feststellen, dass von „gut“ und „schlecht“ zu sprechen, was Lernquellen betrifft, nicht immer hilfreich ist. Genauso wie das „Aus-dem-Fenster-schauen“ in dem Moment nicht unbedingt besser war als das „Auf-dem-Handy-spielen“ ist ein Buch nicht zu jeder Zeit besser als das Fernsehen oder das Geigespielen besser als das Tagträumen. Statt nur auf die Aktivität zu schauen und diese zu bewerten, sollten wir darauf achten, was diese Aktivität in diesem Moment in unserem Kind auslöst. Was für ein Speicher an Emotionen und Erlebnissen wird gerade für unser Kind geschaffen?

Forscher (A. Schouten/B. VanPatten, 1992) konnten beobachten, wie Kinder, die ihre Bücher selber aussuchen durften, neue Wörter besser verinnerlichten als diejenigen, für die die Bücher von anderen Personen ausgesucht wurden. Vermutlich gilt diese Regel auch in anderen Lernbereichen: Das, wofür sich die Kinder selber entscheiden, wird als Lernstoff besser aufgenommen. Was für tolle Möglichkeiten stehen uns denn heute offen! Die Technologie, die uns zur Verfügung steht, ist weit an dem Atari Pong vorbeigezogen. Kinder dürfen aus einer Vielzahl an Computerspielen wählen. Diese Eindrücke werden sicherlich bis weit in die Zukunft reichen. Aber wir können noch viel mehr als nur unseren Kindern technisch verbesserte Spiele anbieten. Wir können verschiedene Lernquellen kombinieren: Mit iBooks können Sie auf dem iPad ihre Geschichten selber auswählen und dazu noch spielerisch gestaltete, damit verbundene Lernaufgaben erfüllen. Beim Lesen können sie sich kleine Videos zum Thema ihrer Lektüre anschauen oder ein paar Takte Klavier oder Geige auf der im Bildschirm dargestellten Keyboard-Tastatur spielen. Der Inhalt ihrer Tagträume kann mit Farben wie per Zauberhand auf ihrem Touchscreen erscheinen… oder auch in ihren Köpfen bleiben…oder auf dem Spielplatz ausgelebt werden.

iBooksKinder haben heute eine Vielzahl an Lernmöglichkeiten und immer häufiger die Wahl, wie sie diese nützen. Diese Tatsache können wir als Erwachsene bzw. Eltern nur begrüßen, aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass diese entriegelte Tür zur Welt der Technik nicht nur Gutes durchgelassen hat. In der Innenwelt wie in der Außenwelt lauern Gefahren…warten aber auch Möglichkeiten. Wenn wir uns dessen bewusst sind und danach handeln, dann werden wir nur staunen können, wie unsere Kinder im Wechselspiel sowohl mit ihrer Innen- als auch mit ihrer Außenwelt lernen, heranwachsen und gedeihen.

Dr. Claire Lambert-Bechtel
c.lambert-bechtel@e4kids.de
www.bela-musik.de