Selbstbewusstsein – kommt es von selbst?

Beitrag von Frau Dr. Claire Lambert-Bechtel

Selbstbewusstsein. Was ist das? Wo kommt es her? Wie kann es definiert werden? Wenn man nach dem Duden greift, findet man folgende Möglichkeiten: „a. (Philosophie) Bewusstsein (des Menschen) von sich selbst als denkendem Wesen; b. das Überzeugtsein von seinen Fähigkeiten, von seinem Wert als Person, das sich besonders in selbstsicherem Auftreten ausdrückt“. Man könnte also meinen, Selbstbewusstsein sei eine autarke Angelegenheit, ein abgekapselter persönlicher Zustand. Nach der zweiten Definition sei Selbstbewusstsein etwas, wovon man eine gewisse Menge hat, wie Kapital auf der Bank. Man habe dies genetisch geerbt oder auf eigenständige Weise akquiriert – oder eben nicht. Dass diese Interpretation nicht der ganzen Wahrheit entspricht, sollte uns aber schon bewusst sein. Eigentlich basiert unser Selbstbewusstsein nicht nur auf dem, was wir selber denken und tun, sondern auch auf dem, was wir in unseren Interaktionen mit anderen erleben. Also unser Kapital liegt nicht unberührt auf der Bank – es gibt sowohl Einzahlungen als auch Abbuchungen!Bildschirmfoto 2015-03-14 um 22.56.20

„Wenn Du nur wüsstest, was Du alles kannst.“ Ich halte mitten im Ladengeschäft inne. Ich lese den Satz wieder: „Wenn Du nur wüsstest, was Du alles kannst.“ Der Satz schmückt ein Tisch-Display aus Pappkarton, in dem Exemplare von vier verschiedenen Buchtiteln unterbracht sind. Ich schaue mir die vier Titel an und – etwas verträumt – stelle mir vor, wie ich mir das Wissen in den Handbüchern aneignen könnte. Ja, das könnte ich tatsächlich. Auf einmal scheint mir alles möglich – sogar Sticken, Stricken, Häkeln und Nähen.

Als mein Tagtraum zu Ende geht, kann ich nur über die geschickte Marketingstrategie des Verlags und ein bisschen über mich selbst schmunzeln. Man konnte mich für etwas begeistern, wofür ich normalerweise so gut wie kein Interesse zeige. Man hat es mir „zugetraut“, diese Fertigkeiten zu erlangen, und das hat mich motiviert.

Ähnlich geht es dem Jungen Theo Tollpatsch in dem gleichnamigen Kinderbuch von Jörg Schreiner. Am Anfang der Geschichte ist er – in seinen Augen – „Theo Tollpatsch, der Klavier-Anfänger“, der nur der Oma zuliebe übt. Sein neuer Freund Robert der Regenwurm spricht ihn aber direkt mit den ermutigenden Worten an: „Und du bist Theo, der Pianist, nicht wahr?“. Er traut dem selbstzweifelnden Theo etwas zu, und dies motiviert Theo, motiviert ihn sogar, Klavier auf dem Schulfest vor der ganzen Schule zu spielen. Theo braucht, in Roberts Worten, „nur ein wenig Mut“, denn „jedes Kind kann irgendetwas gut“. Also, um zu unserer Bank-Analogie zurück zu kommen, zahlt Robert auf Theos Konto ein. Sein Kapital, sein Selbstbewusstsein, wächst durch die Worte und Taten eines anderen.

Aber Abbuchungen gibt es natürlich auch. Bei Theo Tollpatsch entstehen diese durch die Hänseleien seiner Klassenkameraden, die am Anfang der Geschichte thematisiert werden. Sein Selbstbewusstsein leidet, sein Kapitalbestand nimmt ab.

Also wie können wir dafür sorgen, dass auf das Selbstbewusstseinskonto unserer Kinder eingezahlt und nicht abgebucht wird? Zuerst müssen wir unseren Kindern etwas zutrauen. Wir müssen daran glauben, dass sie das alles können, was sie sich vornehmen. Die Worte: „Das kannst du nicht“ sollten aus unserem Wortschatz verschwinden. Natürlich gibt es oft Voraussetzungen: „Wenn du Klavierunterricht nimmst, dann kannst du Klavier spielen.“ Und wir müssen den Unterschied zwischen „das kannst du nicht“ und „das darfst du nicht“ sehen. „Du darfst die Felswand nicht hochklettern“ ist lediglich zum Schutz der Kinder, falls sie nicht richtig ausgerüstet sind oder über zu wenig Erfahrung im Klettern verfügen. „Können“ könnten sie schon.

Vor allem sollte man das Erreichte wertschätzen und loben. Neulich wurde in den Nachrichten und bei sozialen Medien über einen Brief berichtet, den eine englische Schuldirektorin an ihre Schüler schickte. Der Brief wurde zusammen mit den Prüfungsergebnissen verschickt. Die Schuldirektorin bedankt sich in dem Brief bei ihren Schülern dafür, dass sie sich „in einer schwierigen Woche“ so bemüht haben und ihr „Bestes“ gegeben. Die Schule sei „stolz“ auf sie und erkenne an, dass Prüfungen nicht alles bewerten können, was an einem Menschen „besonders und einzigartig“ sei.

Genau diese Einzigartigkeit muss man fördern, und das heißt, zwei Kinder direkt miteinander zu vergleichen gilt meist als „Abbuchung“ von dem Selbstbewusstseinskonto eines Kindes, wenngleich als „Einzahlung“ bei dem anderen. Sätze wie „du kannst nicht so gut singen wie Lilli“ sind tabu. Solche Vergleiche sollten Kinder nicht von Erwachsenen hören. Eigentlich messen sie sich sowieso ständig mit anderen Kindern, ob heimlich oder offen. Natürlich spricht aber nichts dagegen, wenn man als Erwachsener bzw. Elternteil ein Lob für ein anderes Kind ausspricht, wie z.B. „Lilli kann sehr gut singen“. Die Devise sollte aber immer sein: „Jedes Kind kann irgendetwas gut!“

Das Schöne an Bankkonten ist, dass es auch Zinsen gibt – oder geben sollte! Je mehr Kapital man auf der Bank hat, desto größer ist der Zinsertrag. Je mehr Selbstbewusstseinskapital wir besitzen, desto mehr Selbstbewusstsein kommt uns zu. Wenn alles gut läuft, sind unsere Reserven irgendwann so groß, dass die einzelnen Einzahlungen und Abbuchungen zwar noch eine Rolle spielen, aber nicht so entscheidend sind. Wir haben selber dazu beigetragen, dass wir selbstbewusst sind. Also, kommt Selbstbewusstsein von selbst? Zum Teil, ja – aber nur zum Teil. Das was wir von Kindesbeinen an an Selbstbewusstsein besitzen und das, was wir durch unsere Interaktionen mit anderen erlangen, macht sehr viel aus. Also los – es sind Einzahlungen zu machen!

Dr. Claire Lambert-Bechtel
c.lambert-bechtel@e4kids.de
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