Warum ist Musik und gerade das aktive Musizieren so wertvoll für unsere Kinder?

„Musik ist ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Lebens und eine der Grundformen menschlicher Äußerung. Sie ist die Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird und führt Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen.“

Mit diesen Worten führt der aktuelle Bildungsplan für Realschulen in Baden-Württemberg in das Fach Musik ein und festigt somit dessen Stellung im Fächerkanon der allgemeinbildenden Schulen. Betrachtet man die Geschichte der Menschheit, so ist festzustellen, dass unsere Vorfahren bereits vor 45.000 Jahren mit Klangerzeugern aus Knochen und anderen Materialien einen Teil ihre Kultur definierten. Somit war die Musik schon damals ein zentraler Bereich des schöpferischen Schaffens. Vergleicht man die Entwicklung der Musik zum Beispiel mit der Etablierung der Landwirtschaft, so ist diese mit ihrer Entstehung vor ca. 13.000 Jahren eine eher neuartige Erscheinung.

Interessant ist ebenfalls die Tatsache, dass Musik – laut verschiedener Studien – als Universalsprache verstanden werden kann. Selbst Naturvölker wie die Mafa, eine Ethnie in Nordkamerun, die niemals zuvor mit der westlich globalisierten Kultur und deren Musik in Berührung kam, ordnete mit unseren Empfindungen identische Emotionen den vorgespielten Musikbeispielen zu. Dies vermag keine existierende Verbalsprache auf unserem Planeten zu leisten. Folgerichtig ist Musik, neben dem Hörvergnügen und der aktiven Musizierpraxis, ein Völker verbindendes und gemeinschaftsstiftendes Kulturgut.

Aber wie lernt man eine Sprache – hier die musikalische – am effektivsten? Die Ausdrucksformen und Komplexität, die Eigenheiten und die Schwierigkeiten einer Sprache eignet man am sich besten durch aktives Tun und durch Ausprobieren an. Es ist kaum vorstellbar, dass man die musikalische Sprache gänzlich ohne Praxis verstehen und nachvollziehen kann. Musik muss man spüren und fühlen, sei es durch alleiniges Üben und Spielen oder durch gemeinsames Musizieren. Wie sinnvoll erscheint den Kindern das Reden über Fußball und dessen Regeln, wenn nie ein Ball zur Verfügung steht?

Dass Musik mehr ist, als eine Aneinaderreihung von Tönen, ist sicherlich unumstritten. Weniger bewusst ist uns jedoch die unglaubliche Präsenz von Musik in unserer Gesellschaft. Neben wissenschaftlichen Studien zu unserer Musiknutzung im Alltag (84 % der Deutschen hören gerne in ihrer Freizeit Musik!) belegen auch meine Erfahrungen und Beobachtungen als Lehrer, dass Musik eine große Rolle im Leben junger Menschen spielt. Es gibt kaum einen Schüler, der nicht mit Kopfhörern den Schulweg antritt und nicht über die neuesten musikalischen Trends und Bands informiert ist.

Musik bietet vielfältige Möglichkeiten Schlüsselqualifikationen – um dem Wortlaut des Bildungsplanes treu zu bleiben – anzubahnen und zu festigen. Gerade die musikalische Praxis eignet sich besonders zur Schulung und Ausbildung von Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und selbstbewusster Gestaltungsfähigkeit. Besonders während der Probearbeit werden, neben Disziplin und Ehrgeiz, die oben genannten Fähigkeiten vertieft. So lässt das erste Erfolgserlebnis nicht lange auf sich warten und man bekommt als Lehrer immer wieder die gleiche Frage gestellt: „Dürfen wir heute wieder an die Instrumente?“

Musik verhilft sowohl zu musikalischen als auch zu menschlichen Erlebnissen von bleibendem Wert. Meine Schüler gehen nach einem gelungenen Vorspiel oder einem tollen Chorkonzert glücklich von der Bühne und sind – zurecht – stolz auf ihre Leistung. Neben einem gestärkten Selbstbewusstsein – ganz nach dem Motto „Jedes Kind kann irgendetwas gut!“ – vermag die Musizierpraxis die Kreativität und Fantasie der Kinder anzuregen und das Leben in jeder Hinsicht zu bereichern.

Nicht umsonst stellt Friedrich Nietzsche fest: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Michael Scheffler
Musikpädagoge und Studienrat
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