Wie lernst denn du?

Beitrag von Frau Dr. Claire Lambert-Bechtel

Vor ein paar Jahren wollte ich lernen, wie man ein gewisses Musikprogramm bedient. Ein befreundeter Musiker hatte sich bereit erklärt, mir dies beizubringen. Wir saßen vor dem Rechner und wollten mit dem Unterricht anfangen. Als ich aber einen Schreibblock und einen Stift aus meiner Tasche holte, schaute er mich leicht amüsiert an. „So lernst du das nicht!“ sagte er. „Du musst zuschauen und zuhören, dann selber machen.“ „Oh doch“, antwortete ich, „wenn ich das nicht aufschreibe, dann werde ich es spätestens morgen vergessen haben!“iStock_Tauziehen

Hatte nun einer von uns mit seiner präferierten Vorgehensweise Unrecht? Wahrscheinlich nicht. Wir hatten vermutlich einfach unterschiedliche Lernstile. Er konnte Informationen auditiv – durchs Hören – und haptisch – durchs Fühlen/Tasten – effektiver aufnehmen als ich; ich dagegen konnte Informationen besser visuell – durchs Sehen, Lesen und Schreiben –verarbeiten. Wir hatten natürlich die gleichen Sinne, haben sie aber im unterschiedlichen Maße eingesetzt.

Früher hätte man in uns vielleicht verschiedene „Lerntypen“ gesehen. Nach dem Lerntypentest von Frederic Vester hätte man uns vermutlich als einmal „auditiven Lerntypen“, einmal „visuellen Lerntypen“ kategorisieren wollen. Die Existenz von klar definierten Lerntypen ist aber jetzt umstritten, vor allem von Seiten der Kognitionswissenschaften. Hier herrscht die Sichtweise, dass der Lernfortschritt davon abhängig ist, wie spannend die Lerninhalte übermittelt werden und wie groß das Vorwissen ist. Also gibt es etliche Faktoren, die in Betracht gezogen werden müssen, wenn man den Lernerfolg messen möchte.

Dies ist aber – spannenderweise – eine Geschichte, die sich mit der zunehmenden Nutzung von modernen Technologien immer wieder neu schreibt. In Studien der letzten Jahre hat sich herausgestellt, dass Studenten, die im Unterricht ihre Notebooks zum Mitschreiben benutzt haben, weit weniger Lernstoff verinnerlicht haben als diejenigen, die auf altmodische Art und Weise ihre Notizen per Hand geschrieben haben. Also Schreiben – im Sinne von Tippen – ist nicht gleich Schreiben! Offensichtlich spielen andere Sinne hier eine Rolle. Denken wir darüber nach! Auf eine Keyboard-Taste zu drücken ist für die Hand sicherlich nicht die gleiche Herausforderung wie einen einzelnen Buchstaben zu zeichnen. Das haptische Erlebnis ist also ein anderes. Das visuelle ist auch völlig anders: Die uniform gebildeten Buchstaben eines Textprogramms unterscheiden sich stark von den Buchstaben einer einzigartigen Handschrift. Wenn man mit der Hand schreibt, entsteht eine schriftliche Landschaft mit mehreren für das Auge interessanten Merkmalen (z.B. durchgestrichenen Wörtern oder Stellen, die ordentlicher oder weniger ordentlich sind).

Dieses interessante Forschungsergebnis lässt vermuten, dass es von Vorteil ist, uns auf all unsere Sinne beim Lernen zu verlassen, auch in einer modernen Welt, in der uns die Arbeit oft erleichtert wird oder uns gar von der Technologie abgenommen. Jeder sollte mit seinen eigenen Lernpräferenzen die Sinne so einsetzen, wie sie ihm am besten weiterhelfen.

Für die Kinderpädagogik der Zukunft ist dies eine wichtige Erkenntnis. Erstens müssen wir weiterhin nach dem Ziel streben, dass jedes Kind in seinen eigenen Lernbedürfnissen unterstützt wird. Zweitens müssen wir in der technologischen Weiterentwicklung unserer Umwelt dafür sorgen, dass die Sinne in unseren Handlungen möglichst weit mit eingebunden werden. Computerspiele, Apps und iBooks, zum Beispiel, haben die Möglichkeit, viel mehr als nur ein visuelles Erlebnis zu sein. Sie können das Auditive und das Haptische (z.B. mit Digitalstiften) fördern. Sie können auch durch ihren Inhalt dazu anregen, die anderen Sinne – Schmecken und Riechen – zu benutzen: Man denke an Rezepte zum Nachkochen oder die Aufgabe, eine angenehm duftende Blume aus dem Garten zu holen. Vor allem ist es erstrebenswert, unsere Sinne im Lernprozess voll auszutesten.

Ich habe leider immer noch nicht richtig gelernt, wie man das Musikprogramm bedient. Mir fehlte einfach die Zeit (und vielleicht auch die Lust), mich näher damit zu beschäftigen. Vielleicht hätte ich damals aber meinen Stift und meinen Schreibblock weglegen und meinen anderen Sinnen vertrauen sollen. Wer weiß?! Vielleicht wäre es doch was geworden. Aber zumindest weiß ich heute noch, wo ich meine Notizen finden kann!

Dr. Claire Lambert-Bechtel
c.lambert-bechtel@e4kids.de
www.bela-musik.de